Nächtliches Rendezvous mit der Seele – Schlaflosigkeit kann einen anderen Grund haben

Obwohl dieses kleine Wunder immer wieder einmal geschieht, reagiere ich jedes Mal, wie andere auch, ziemlich genervt, wenn nach langem Wachliegen mitten in der Nacht sich der Schlaf einfach nicht mehr einstellen will.
So auch letzte Nacht bei mir. Alle Positionen des bestens Schlafenkönnens waren durchprobiert, nichts vermochte mich in den Schlaf zu wiegen. Erst hinterher wurde ich mir bewusst, dass es keine kreisenden Gedanken waren, keine körperlichen Beschwerden, kein Durst, keine bittende Blase, keine ruhelosen Nachbarn, die mir den Schlaf raubten. Ich war nicht einmal wirklich müde, plötzlich nicht mehr.
Also stand ich auf, trank in der Küche ein Glas Wasser, ging ins Wohnzimmer und setzte mich im Dunkeln zu meinem Hund auf den Boden, um ihn zu streicheln.
Es war ungewöhnlich still, meine Sinne seltsam gespannt, eine besondere Form des Gewahrseins. Ohne gezielte Gedanken schob ich mein Meditationskissen unter den Hintern und nahm mir vor, einfach nur zu sitzen, bis ich zu kippen drohte und der Schlaf mich zurück ins Bett rufen würde.
Ich saß, lauschte erst dem Atem meines Hundes, dann meinem…
Schließlich bemerkte ich, dass hier im Raum etwas besonderes vor sich ging. Er war voll mit eine ganz besonderen Energie. Ich versuchte mich genau auf diese Energie zu konzentrieren und spürte, wie groß dieser Raum war und ganz langsam immer weiter wuchs. In der intensiven Konzentration auf den Raum konnten keine Gedanken gedacht werden. Das ist bei zielgerichteten Konzentrationen immer so. Und weil der Raum wuchs, wuchs scheinbar auch mein Körperraum, der Raum in meinem Inneren, den ich jetzt das erste Mal überhaupt so wahrnahm. Nun konzentrierte ich mich auf meinen inneren Raum und ich spürte wie wunderbar dieser war. Trotz Dunkelheit lichte Weite, die immer mehr wuchs, auch sie, seltsam.
Und plötzlich „ floss“ der innere Raum in den äußeren, sie wurden eins. Die Grenzen verschwanden…
Für einen Moment berührte ich die absolute Ganzheit, das Alles, das Einssein, mit viel Liebe. Ich hatte tiefsten Kontakt mit meiner Seele.
Er dauerte nur einen kleinen Augenblick, weil ich in meiner großen Freude versucht war, den Moment mit beschreibenden Gedanken festzuhalten, was natürlich nicht geht.
Wir können nur versuchen, uns hinterher daran zu erinnern was wir spürten. Die Gedanken werfen uns immer aus dieser grandiosen Dimension. Es war unwichtig, wie lange diese Berührung, dieser Kuss der Seele dauerte, die Qualität war das Entscheidende. Als ich die Augen wieder öffnete und mich streckte war ich ein völlig anderer Mensch: Lächelnd, wissend, gemittet, kraftvoll, Fülle und tiefe Liebe spürend, glühend warme trockene Hände.
Ich streichelte noch eimal das Fell meines Hundes, erhob mich, schlich ins Bett, bedankte mich bei meinem Höheren Selbst und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
Ich gebe zu, dass auch ich nicht immer auf diese Einladungen reagiere, ich vergesse immer wieder, dass es eine sein könnte, obwohl ich schon viele solcher nächtlichen Rendezvous mit meiner Seele hatte. Gerade mitten in der Nacht, so zwischen drei und vier Uhr, wenn die rastlose Welt draußen endlich mehrheitlich ruht, sind solche Begegnungen in einer anderen Dimension möglich.
Nein, man muss keine erfahrener Meditierender sein, es einfach mit kindlicher Neugier probieren und zulassen. Und wenn man sich auf etwas ganz bestimmtes konzentriert, wie in meinem Fall auf den Wohnraum, ohne dabei Gedanken zu bemühen, einfach nur achtsam horchen und spüren, intensiv horchen und spüren, immer wieder horchen und spüren, kann gar kein Gedanke entstehen. Es ist lediglich wache Konzentrationskraft und natürlich echte Stille gefordert. Rendezvous lohnen sich immer!