Ich nutze ihre größte Schwäche…

Vor zwei Jahren, zwischen Weihnachten und Neujahr, erzählte mir eine Kollegin von einem Heiler in den Kärntner Bergen. Sie berichtete mangels genauem Wissen nur bruchstückhaft, weil auch sie diese Informationen nur aus zweiter Hand bekommen hatte. Jedenfalls sollte es an einem bestimmten Ort hier in Kärnten einen Mann geben, der jedes Leiden heilen könne, jedes! Und er verwende dazu pflanzliche Essenzen, womöglich sogar Spagyrik. Klar, dass ich plötzlich hellwach meine Ohren spitzte. Die Besonderheit aber, sagte sie, sei noch eine andere: Er verlange für seine Heilungen Unsummen an Geld. Ich stufte dieses Detail als bloßes Hörensagen ein – wie das halt bei solchen Geschichten, die durch viele Hände gereicht werden, immer ist – und bat die Kollegin um genaue Kontaktdaten. Sie wollte sich bemühen, konnte aber nichts versprechen. An Neujahr rief sie mich dann begeistert an und teilte mir stolz eine Telefonnummer und den Namen des Heilers mit. Aus Gründen, die Sie als Leser am Ende der Geschichte verstehen werden, nenne ich weder den Namen des Heilers noch den Ort, in dem er lebt.

Am ersten Werktag des neuen Jahres rief ich dann die Nummer an. Es meldete sich eine Pension und ich glaubte mich verwählt zu haben. Nein, alles war korrekt, die Inhaberin nahm generell die Anrufe von Heilsuchenden an, verwaltete einen langen Terminkalender und buchte gleich notwendige Übernachtungen. Ich gab mich ebenfalls als „Erkrankter“ aus und erfuhr, dass der besagte Heiler täglich nur einen Patienten behandelte und dafür einen ganzen Tag benötigte. Nein, antwortete sie auf meine Fragen, eine Webseite gäbe es nicht, sie müsse mir die Anfahrt telefonisch beschreiben und nur ein zweiter Termin sei zur Zahlung nötig, weitere nicht.
Zweiter Termin zur Zahlung? Ich ließ mir also wie alle anderen Anrufer auch einen Termin geben, notierte ihre mündlichen Hinweise und musste meine große Ungeduld hinunterschlucken als ich „10. Oktober“ vernahm.

Anfang Oktober entdeckte ich dann diesen vereinbarten Termin in meiner Agenda. Ich hatte ihn völlig vergessen und wollte schon absagen. Was für eine fixe Idee! Weil das Telefon der Pension aber dauerhaft besetzt war, wertete ich dies als ein Zeichen doch zu gehen.
Eine Uhrzeit hatte ich nicht bekommen, also richtete ich meine Fahrt so ein, dass ich gegen neun Uhr früh da war. Die beschriebene Hütte war leicht zu finden. Ich stellte meinen Wagen ab und sah einen sehr großen und kräftigen Mann neben dem Haus Holz hacken. So, wie er mich mit einem herzlichen und kräftigen Händedruck begrüßte, musste er der Heiler sein, auch wenn er ganz und gar nicht meiner Vorstellung entsprach.

Wir nahmen draußen vor der Hütte auf Bänken bei strahlendem Herbst-Sonnenschein Platz und er bot mir erst einmal Quellwasser zum Trinken an. Lange taxierte er mich wortlos mit seinen kristallklaren blauen Augen, die wie Fremdkörper aus dem bärtigen, faltigen Gesicht und weißen Lockenkopf hervorstachen. Ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, dass er mich längst durchschaut hatte und beichtete ihm sofort meine Lüge, erklärte, dass ich hingebungsvoller Spagyriker sei und was mich aus tiefer Neugierde zu ihm führte. Ich wollte seine Zeit nicht noch mehr strapazieren.
Am Ende meiner Ausführungen stand er einfach ohne zu antworten auf und setzte das Holzhacken fort, was mich völlig verwirrte und ich nach einer Viertelstunde schließlich als Aufforderung zu gehen verstand. Gerade als ich mich erhob und drehte, stand er plötzlich hinter mir und versperrte mir den Weg.
„Soso“, meinte er nur und bedeutete mir, mich wieder zu setzen. „Sie möchten also das Geheimnis meiner Heilkunst wissen!“
Überrascht nickte ich.
Er neigte den Kopf und sagte: „Was ist Ihnen das Geheimnis wert?“
Natürlich verstand ich diese Frage erst überhaupt nicht und er fuhr fort: „Sie wollen meine Heilkunst ja nicht aus bloßer Neugierde erfahren, oder? Sicher möchten Sie sich etwas davon abschauen und selbst anwenden, oder nicht? Und das muss Ihnen ja schließlich etwas wert sein! Ich meine in Geld. Nennen Sie mir einen Betrag, den Sie bereit sind dafür zu geben.“
Also doch. Kein Hörensagen. Dieser Mann schien wirklich dem Geld hinterher zu sein. Nun, das war sein gutes Recht, immerhin nannte er keine Summe. Sehr geschickt, wie er das anstellte, dachte ich bei mir. Mein Verstand lief heiß und ich fühlte mich schon wieder wie bis auf die Unterhose entblößt. Ich wollte ihn mit einem zu niedrigen Betrag nicht beleidigen, war aber auch nicht bereit, ohne zu wissen, was ich dafür bekomme, einen zu hohen zu nennen. Ich lehnte mich schließlich zurück und zeigte ihm ohne Scham, dass ich wertend nachdachte. Gott sei Dank, wer weiß, was ich sonst für eine Ziffer genannt hätte. Ich nahm die Summe von eintausend Euro in den Mund, trotz des Risikos, dass er mich auslachen würde und wegschickte.
Auch er ließ sich mit seiner Antwort Zeit: „Einverstanden, ich darf dann um das Geld bitten.“
Er verlangte doch tatsächlich von mir, dass ich ihm den Betrag in bar jetzt sofort auf den Tisch legte, bevor er sein Geheimnis offenlegte.
Na gut.

Ich fuhr ins nächste Dorf, um einen Geldautomaten aufzusuchen. Mein Ego lachte mich während der ganzen Fahrt aus und überschüttete mich mit vergiftenden Zweifeln. In was für eine Geschichte war ich da wieder einmal hineingeraten! Bevor ich tatsächlich das Geld abhob, suchte ich ein Café auf und stärkte mich erst einmal mit einem Cappuccino. Kuhmilch, die ich schon seit Jahren nicht mehr zu mir nahm! Na klasse! Ich rang innerlich um Klarheit und kam mit der netten Bedienung ins Gespräch. Ich quetschte sie schamlos über den Heiler aus. Sie sprach von ihm wie von einem Engel und erlaubte keinen Zweifel. Ein teurer Engel! Steckten sie womöglich alle unter einer Decke?
Ich brachte ihm tatsächlich das Geld, was er sogleich ohne ein wie auch immer geartetes Danke in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Wolken waren aufgezogen und eine frische Brise ließ uns in die Hütte gehen. Ein wohliges Feuer knisterte im Ofen und erst nach einer Weile nahm ich beruhigt die vielen Arzneifläschchen auf allerlei Regalen und Gesimsen wahr.
„Es bedarf gar keiner großen Worte“, meinte er. „Die Hilfesuchenden kommen wie Sie auch. Ich nutze simpel und einfach ihre größte Schwäche und wandle sie in eine besondere Kraft. So einfach ist das.“
Aha, dachte ich, so einfach.
„Wenn diese fertig sind, mir ihr Leid zu klagen, stelle ich ihnen – so wie Ihnen – die Frage, was ihnen die Heilung wert sei. Sie nennen mir dann kopflos einen Betrag, der in der Regel ihre finanzielle Kraft übersteigt.“
Jetzt tanzte sein ganz Oberkörper vor Lachen auf seinem Becken. Keine Ahnung, was es da zu lachen gab. Machte er sich über seine Klienten lustig? „Dann gebe ich ihnen diesen Vertrag zur Unterschrift…“ Er legt mir einen maschinell geschriebenen Heilungsvertrag vor, in dem der Heilsuchende seine Daten samt genannten Betrag eintragen musste. Es war von unweigerlicher Zahlungspflicht im Falle der Heilung die Rede. Und da stand auch, dass bei Nichtzahlung im Heilungsfall er Kraft seiner besonderen Fähigkeiten dafür sorgen werde, dass der Geheilte wieder erkranken würde. Ich konnte gar nicht fassen, was da stand. Hallo? Hatte der Mann noch alle Tassen im Schrank? Ein Betrüger? Was, ein Engel? Wo war ich gelandet?
Er fuhr fort: „Dann verbringe ich den ganzen Tag mit dem Menschen, meist schweigend…, spüre mich in ihn hinein…, wir gehen spazieren…, wir essen gemeinsam…, ich lege ihm zwanzig Minuten die Hände auf sein lokalisiertes Leid…, gebe ihm eine von meinen Essenzen in die Hand und verabschiede mich schließlich von ihm.“
„Was sind das für Essenzen?“, wollte ich endlich erfahren.
„Heimische Kräuter, nicht der Rede wert“, meinte er trocken. „Keine Spagyrik, keine Homöopathie, das brauche ich nicht.“
Toll! Und dafür hatte ich eintausend Euro bezahlt?
„Das war alles?“, ich verbarg meine Enttäuschung nicht.
Sein Oberkörper schüttelt sich erneut vor Lachen.
„Ein kleines Detail fehlt noch…“, beruhigte er mich, „…nach der erfolgreichen Heilung reservieren die Heilsuchenden einen zweiten Termin – auf den sie gar nicht lange warten müssen, weil das in dreißig Minuten erledigt ist – und bringen die vereinbarte Summe in bar, so wie Sie!“
Er griff in seine Jackentasche, holte das Bündel mit den grünen Hunderter-Scheinen hervor, zählte von den eintausend Euro neunhundert ab, legte sie auf den Tisch, schob sie dann demonstrativ an meine Hände, bis sie diese berührten.
„Ich gebe Ihnen neun Zehntel wieder zurück und sage Ihnen, dass ich das ausnahmsweise nur in ihrem Fall tue und, dass sie das niemanden, wirklich niemandem sagen dürfen, auch nicht dem Ehepartner, der Familie, sonst käme die Krankheit zurück. – Das ist alles.“
Außer der profanen Tatsache, dass ich neunhundert Euro wieder zurück bekam, begriff ich nichts von dem, was dieser Verrückte da sagte und seine Diamantaugen erkannten auch das.
„Intelligenz kann manchmal wie ein Brett vor dem Kopf wirken!“, brummte er, „Augen auf mein Junge!“
Mein Junge nannte er mich auch noch. Er schlug mir auf die Schulter und ging nach draußen, ließ mich einfach sitzen. Wut kam in mir hoch und versperrte jedem fruchtbaren Gedanken den Weg. Ich konnte nur noch den Kopf über mich schütteln. Ein Narr war ich. Glaubte ich wirklich, dass dieser Mann seine Heilkunst einfach so ausplaudern würde?
Ich verabschiedete mich so zügig, dass es noch nicht ganz unverschämt war. Einhundert Euro, nun gut, das war noch zu verkraften. Im Rückspiegel meines Wagens glaubte ich wieder seinen Oberkörper vor Lachen tanzen zu sehen.

Um Fassung ringend steuerte ich auf den nächsten Wald zu und tauchte zu Fuß in die stille, bunte Natur ein. Ich kochte innerlich. Es brauchte Stunden bis sich meine vorwurfsvollen, selbst anklagenden Gedanken endlich tot liefen und ich gedemütigt die Heimreise antreten konnte.
Es war kurz vor Sonnenuntergang als mich in einer Serpentinenkurve mit Weitblick durch eine gerodete Baumschneise die Sonne plötzlich so sehr blendete, dass ich mit einem Flecken auf der Netzhaut am Straßenrand anhalten musste.
Ein Licht ging mir auf!
Ich stieg aus dem Auto, kletterte einige Schritte den Hang nach oben, schaute ins Tal und musste nur noch lachen, ließ dabei wie von dem „Gauner“ angesteckt meinen Oberkörper auf meinem Becken tanzen.
Genial! Der Mann ist einfach Spitzenklasse! Ich hatte wirklich ein Brett vor dem Kopf.
Sein Satz „ich nutze ihre größte Schwäche und wandle sie in eine besondere Kraft“ war der Schlüssel. Ich schlug mir mit der Hand laut auf die Stirn. Klar, dass er seinem Geheimnis nicht das letzte Hemd ausziehen konnte.

Ich führte mir selbst noch einmal alle Details vor Augen und begann mit mir laut zu sprechen: Wenn ein Heilsuchender nach dem ersten Termin seinen Heimweg antritt, wird er sich zur Ruhe kommend bewusst, dass er in seinem zermürbenden Leid, in seiner Verzweiflung den Wert seiner Gesundung so hoch, so unerreichbar bemaß, dass der zugeordnete Geldbetrag ebenso unerschwinglich ausfallen musste. Der Wert der bisher unerreichten Heilung musste dem des unerreichbaren, unaufbringbaren Betrages entsprechen. Das ist wie ein kosmisches Gesetz.
Der heimkehrende Patient, um nicht zu sagen Angsthase, denn irgendwie sind alle chronisch Erkrankten von tiefer Angst gesteuert, zieht natürlich die Möglichkeit einer Heilung tatsächlich in Erwägung. Schließlich heilt er alle, sagt man – und er denkt schockiert an die Summe, die er vertraglich dem Heiler versprochen hat. In diesem Moment wird ein viel größeres Problem als das der Krankheit geschöpft. Woher sollte er im Falle der wirklichen Heilung das viele Geld nehmen? Er beginnt täglich, stündlich an den unterschriebenen Vertrag zu denken, richtet seinen Fokus ab jetzt nur noch auf sein dummes, kopfloses Verhalten und wie er diese Summe nur aufbringen sollte. Aus tiefer neuer Angst vor der anstehenden Zahlung eines Betrages, den er erst einmal glaubt nicht schultern zu können, vergisst er fast seine Krankheit und beginnt im Hintergrund immer mehr die Heilung zu fürchten. Und in seiner fehlenden Bewusstheit führt ihn seine entfachte Angst, aus seiner eigenen Schöpfung der Realität heraus, genau dorthin! Sein neuer Fokus lenkt ihn. Er schöpft die Selbstheilung durch einen Trick, weil der alte Fuchs an die Angst vor der Zahlung die Heilung gekoppelt hat. Die Angst war sozusagen das trojanische Pferd mit dem die Heilung eingeschleust wurde.
Eine Gänsehaut  überzog mich und ich bedauerte zutiefst, diesem Mann so Unrecht getan zu haben.

Als ich nach Hause kam, war das Bedauern einer tiefen freudvollen Demut gewichen. Paolo Coelho hätte seine Freude an dieser Geschichte.